Keyworker Communiqué #2 – Werbung im Stadtbild

Das Stadtbild und Werbung sind nicht mehr voneinander zu trennen. Was macht Werbung mit dem Erscheinungsbild einer Stadt? Ist sie Zeichen für die boomende, moderne, pulsierende Metropole? Bedeutet Werbung also eine Bereicherung oder ist sie kritisch zu hinterfragen?

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Werbung im Düsseldorfer Hauptbahnhof, Foto © Anselm Faust

Werbung ist überall: Nicht nur die Schaufenster der Geschäfte oder die Gebäude der Firmen, sondern allgemein Plätze und Straßen, alle Arten von Werbeträgern wie z.B. Litfaßsäulen, aber auch Gebäudefassaden, das Straßenmobiliar, Taxen, Straßenbahnen und Busse werden zur Werbung benutzt. Mit Plakaten, Werbebannern, großflächigen Tafeln und Leinwänden, Leuchtreklame und Folien werden historische oder architektonisch wertvolle Gebäude, Brücken und Denkmäler verdeckt, harmonische Gebäudeensembles und städtebaulich wertvolle Platzgestaltungen werden gestört. Zusätzlich überflutet „fliegende“ Werbung für besondere Ereignisse und politische Wahlen regelmäßig, wenn auch nur temporär, unsere Städte. Heute hat Werbung oft ein Ausmaß erreicht, das mit Verschmutzung des öffentlichen Raumes bezeichnet werden muss. Diese Feststellung trifft zwar in besonderem Maß für die boomenden Millionenstädte in Asien, Afrika und Amerika zu, aber in Anfängen auch für manche europäische Großstadt.

Der öffentliche Raum, das Stadtbild, wird durch die Werbung zunehmend privatisiert. Attraktive, oft animierte Werbung absorbiert manchmal in gefährlicher Weise die Aufmerksamkeit und erschwert die Orientierung. In Europa versuchen viele Städte inzwischen, angefangen mit Herrn Litfaß im 19. Jahrhundert, diese Enteignung des öffentlichen Raumes mithilfe von Satzungen zumindest zu ordnen und einzugrenzen. Ein herausragendes Beispiel hat der Bürgermeister der brasilianischen Metropole São Paulo gegeben, als er 2006 sämtliche Werbung aus dem öffentlichen Raum mit großer Zustimmung der Bürger verbannte. Dort wird das Stadtbild wieder durch die Gebäude definiert, deren Fassaden inzwischen von den Eigentümern renoviert wurden und Street Art blüht auf. Ob das Beispiel São Paulo Nachfolger findet? In den USA und konkret in Berlin gibt es jedenfalls Bemühungen in dieser Richtung.

Sao Paulo
Straße in São Paulo mit und ohne Werbung, Fotos © Tony de Marco

Vielleicht haben wir uns schon so an die Werbung in der Stadt gewöhnt, dass wir sie gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, und sie erst wieder deutlich wird, wenn man die Werbeträger auf einer Reproduktion der Stadtansicht einheitlich einfärbt. Das könnte aber bedeuten, dass wir auch unser Stadtbild nicht mehr bewusst wahrnehmen! Im schlimmsten Fall kann Werbung uns die Stadt, architektonisches Erbe und Heimat, entfremden.

168 Faust Montage Schadowstraße
Fotomontage der Düsseldorfer Schadowstraße, Foto © Anselm Faust

Text © Joachim Siefert

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