Keyworker Communiqué #4 – Zwischen Kauf und Verkauf lauert die Sünde: Die Privatsammlung von Prof. Scheele

Wie man sich mit dem Thema Werbung wissenschaftlich fundiert, aber auch mit einer großen Portion Humor beschäftigen kann, erlebten wir in der Privatsammlung von Prof. Dr. Walter Scheele. Er war als Leiter einer Werbeagentur, aber auch als Hochschuldozent ein ausgewiesener Fachmann auf seinem Gebiet und kannte alle Methoden und Wirkungsweisen von Werbung.

Weil er sich für die Geschichte der Werbung interessierte, hielt Walter Scheele seit den 1970er-Jahren Vorträge darüber, die großen Zuspruch fanden. Er legte eine Studiensammlung an, um das Thema anschaulich zu präsentieren. Schließlich fasste er sein Wissen in einem Buch zusammen. Es erschien im Jahr 1979 unter dem Titel „Zwischen Kauf und Verkauf lauert die Sünde. Jahrhunderte der Werbung in Geschichten und Bildern“. Den Titel entlieh Scheele dem Alten Testament. Im Buch Jesus Sirach, Kap. 27, Vers 2 (Einheitsübersetzung), heißt es: „Zwischen zwei Steine lässt sich ein Pflock stecken; so drängt sich zwischen Kauf und Verkauf die Sünde.“

Ausstellung
Die ausgewählten Grafiken der Sammlung in unserer Sonderausstellung, Foto © Medienzentrum Rheinland Stefan Arendt

Schon im 2. Jahrhundert v. Chr. gab es also Werbekritik – und somit auch Werbung. Walter Scheele schlug den Bogen in die Gegenwart: „Werbung war und ist immer eine höchst menschliche Angelegenheit, voller Stärken, voller Schwächen. Und die Bezüge zur Gegenwart ergeben sich ganz von selbst, wobei sich zeigt, wie wenig sich die Tücken, Sünden und Risiken der Werbung in verschiedenen Zeiten eigentlich verändern.“ (a.a.O., S. 13)

Walter Scheeles Sammlung enthält überwiegend Druckgrafik aus der Zeit vom 17. bis in das 19. Jahrhundert. Manche Darstellungen führen an den Rand dessen, was als Werbung verstanden werden kann (Verkündigung an Maria); andere führen zu John Thomas Smith: Ein schwarzer Seemannverblüffenden Einsichten: Walter Scheele bezeichnete das Betteln als höchste Kunst der Werbung, weil der Bettler keine Ware verkaufen kann. In der Sammlung finden sich deshalb einige Blätter zum Thema. Auch andere in der Sammlung vertretene ältere Werbeformen existieren bis heute, z.B. die Kaufrufe (heute nennt man es „Marktschreier“).

Werbung, so lehrt Walter Scheeles Sammlung, ist keine rein kommerzielle Angelegenheit. Sie ist ebenso im politischen, religiösen, militärischen und kunsthandwerklichem Bereich zu finden. Je nach Absicht und Geschick des Werbenden zeigt sich, ob er ernsthaft oder mit List und Tücke seine Ware an den Kunden zu vermitteln versucht. Und ganz gewiss spielt er gern mit menschlichen Schwächen, sei es Stolz oder Eitelkeit!

Wir hatten die Ehre und Freude, im Januar 2016 historische Werbeszenen aus Walter Scheeles Privatsammlung sichten und für die Ausstellung auswählen zu dürfen. Neben anderen Schätzen aus vergangenen Jahrhunderten begeisterten uns vor allem Originalgrafiken von William Hogarth aus dem 18. Jahrhundert. Er zählt zu den besten englischen Künstlern seiner Zeit und ist für seine bissige Gesellschaftssatire bekannt. Eine Serie von vier Blättern über den Wahlkampf in England ist ein Höhepunkt der Ausstellung im Stadtmuseum und ein Hauptwerk von Walter Scheeles Sammlung.

Walter Scheele unterstützte unsere Ausstellung gern, deren Idee er vor Jahren mitentwickelte. Leider verstarb er im Frühjahr 2016 im Alter von 90 Jahren. Das Kapitel über Werbegeschichte in der Ausstellung erinnert an ihn, an sein Wissen und an seinen Humor.

Text © Marion Portz-Kube, Dr. Christoph Danelzik-Brüggemann

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1 Kommentar zu „Keyworker Communiqué #4 – Zwischen Kauf und Verkauf lauert die Sünde: Die Privatsammlung von Prof. Scheele“

  1. Hat dies auf danelzik rebloggt und kommentierte:
    Walter Scheele war ein außergewöhnlicher Mensch, großherzig, geistreich und humorvoll. Wenn er auf originelle Weise über Werbegeschichte sprach, geschah dies fundiert. Er war selber als Werber aktiv, ehe er seine Professur antrat.

    Gefällt mir

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