Wim Wenders‘ Werbewelt meets Bertram Rutz‘ Plakatkunst

Als weltbekannter Filmregisseur ist der 1945 in Düsseldorf geborene Wim Wenders für seine Heimatstadt kulturell sehr bedeutend. In Düsseldorf vertreten ist z.B. die „Wim Wenders Stiftung“, die seine Arbeiten zusammenführt und diese für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Oscar nominierte Regisseur spielt auch in der Werbebranche eine große Rolle, was dem Publikum weitgehend unbekannt ist. Das erste Mal an einem Werbeprojekt arbeitete er in den frühen 1990er-Jahren. Bis dahin hatte er sich bereits mit Filmen wie „Paris, Texas“ (1984) oder „Der Himmel über Berlin“ (1987) einen Namen gemacht. Ein Grund für sein Interesse an der Werbebranche war der Umschwung des Filmbusiness: Laut Wenders wurde der Spielfilm Ende der 1980er als treibende Kraft der Bildästhetik von der Werbe- und Musikbranche abgelöst.

Ausstellung
Ausstellungsansicht mit dem Werbeplakat für „Der Himmel über Berlin“, Foto © Medienzentrum Rheinland Stefan Arendt

Als „Paris, Texas“ in die Kinos kam, waren nicht nur Kritiker und Publikum interessiert, sondern auch die Werbung. Nach Auffassung von Wenders kamen in jedem zweiten Werbespot Andeutungen oder Zusammenhänge zu seinem Film vor, wie z.B. einige Szenen in der Wüste, die auch in „Paris, Texas“ im Fokus stehen. Wenders stieg auch deshalb in die Werbebranche ein, weil er zum einen an „vorderster Front“ dabei sein und zum anderen viel über Werbung und ihre Funktion wissen wollte. In einem Interview mit dem Magazin Horizont sagte er, seine Hauptmotivation sei das Experimentieren mit neuen Techniken. Außerdem ist er interessiert daran, „neue Werkzeuge der Bildsprache“ auszuprobieren.

Für ihn sind drei Punkte bei der Auswahl eines neuen Projektes wichtig: das Konzept, die Agentur und der damit verbundene Spaßfaktor. Für Wenders ist das Geschäft mit der Werbung eine kontinuierliche Einnahmequelle geworden. Da er bei der Produktion seiner Kinofilme oftmals Geld aus eigener Tasche gezahlt hat, blieb für ihn am Ende nicht viel Gage übrig. Außerdem reizen Ihn Werbefilme, da es wesentlich weniger Zeit in Anspruch nimmt, einen kurzen Werbespot zu drehen und er die Kürze und gleichzeitig auch die Kompaktheit eines Werbefilms großartig findet. Zudem findet er Gefallen an neuen Herausforderungen und versucht, diese bestmöglich umzusetzen.

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Ausstellungsansicht mit dem Wenders-Spot „Wim’s Rules for Cinema Perfection“, Foto © Medienzentrum Rheinland Stefan Arendt

Unter den vielen von Wenders produzierten Werbespots stehen zwei auf seiner Favoritenliste, welche auch in der Sonderausstellung „Werbung. Die Kunst der Kommunikation“ gezeigt werden: ein Werbespot für die Marke „Montblanc“ mit dem Titel „The Beauty of a Second“ (2011) und ein Spot der Biermarke „Stella-Artois“ aus dem Jahr 2014. Ein besonderes Merkmal dieser Spots ist, dass sich Wenders selbst vor der Kamera präsentiert. In beiden Filmen redet er auf Englisch direkt mit den Zuschauern. In dem Stella-Artois-Spot zählt er auf ironisch-witzige Art alle Regeln auf, die das Drehen eines guten Films ausmachen. Der Montblanc-Spot handelt von einem Videodreh-Wettbewerb, in dem der Zuschauer „Die Schönheit einer Sekunde“ mit der Kamera festhalten soll. In Wenders‘ Werbespot werden dem Publikum Beispiele für diese Schönheiten gezeigt, wie eine Frau oder die Natur. Auffällig ist, dass in beiden Spots der Kinosaal als Kulisse eine wichtige Rolle einnimmt.

Abgesehen von diesen zwei Werbespots drehte Wenders ebenfalls für Unilever (Langnese- Magnum-Eis), Samsung und Afri-Cola. Dabei betrachtet Wenders das sogenannte „Erbe“ von Charles Wilp, die Afri-Cola-Werbung, als Ansporn. Zwar sagt Wenders, dass er sich für den Werbespot etwas völlig Neues ausgedacht hat, dennoch erkennt man viele Zusammenhänge zwischen den beiden Spots. So fallen die Konstellationen der Personen auf, die sich bei Wenders und Wilp in gewissen Szenen ähneln. Auch in beiden Spots deutlich zu erkennen ist die Rolle der unabhängigen Frau. Der Genuss von Afri-Cola und die dabei entstehenden „erfrischenden“ Gedanken werden in beiden Spots veranschaulicht. Das Element Wasser sticht ebenso deutlich heraus. In Wilps Fall sind es nasse Glasscheiben, die vor den handelnden Darstellern aufgestellt sind. Bei Wenders ist es eine Frau, die in einem pompösen Kleid unter Wasser schwimmt. Beide Szenen fesseln den Zuschauer. Ein Gefühl von Leichtigkeit kommt auf. Gravierende Unterschiede zwischen Wilp und Wenders gibt es im Sound und im Schnitt. Wilp lässt den ganzen Spot mit lauter Musik und schnellen Schnitten schrill wirken. Wenders hingegen harmonisiert das Ganze mit ruhiger Musik und fließenden Übergängen.

Wenders wollte zum einen für Afri-Cola arbeiten, da der Brausehersteller eine exzellente Werbegeschichte hat, zum anderen weil ein 60-Sekunden-Werbespot für das Kino sehr selten ist und Wenders diese Gelegenheit nutzen wollte. Wenders verwendet für seine Werbefilme gerne neu komponierte Musik. Auch für den Afri-Cola-Werbespot ließ Wenders eine völlig neue Komposition von seinem geschätzten Kollegen Klaus Waldeck schreiben. Der Werbespot für Afri-Cola lief ab Mai 2001 in TV und Kino. Die nächste Idee ist ein 3D-Werbefilm. Zwei solcher Filme waren bereits in der Planung, sind dann jedoch bei der Produktion gescheitert.

Wie schon anfangs erwähnt, war auch Wenders‘ Film „Der Himmel über Berlin“ ein großer Erfolg. Das von dem Düsseldorfer Künstler Bertram Rutz (*1959) gemalte Kinoplakat zu dem Film befindet sich gleichfalls in der Ausstellung im Stadtmuseum Düsseldorf. Von 1985 bis 1992 malte Bertram Rutz ca. 70 Plakate vorwiegend für das Programmkino Cinema und das Savoy-Kino in der Düsseldorfer Altstadt. Sein erstes Filmplakat malte er für „Paris, Texas“. Bevor er damit anfing, war er Filmvorführer in einem Partnerkino des Cinema desselben Betreibers. Der Kinobetreiber hatte eine Rutz02Vorliebe für die Filmgeschichte, welche einen großen Raum in seinem Programm einnahm. So wundert es nicht, dass er damals ein schon vergessenes Werbekonzept, nämlich die Kinoplakatmalerei, als Werbemittel wiederbelebte. Als das Ganze dann seinen Lauf genommen hatte, bekam Rutz alle zwei oder drei Monate einen Auftrag, der dann relativ schnell, meistens innerhalb von zwei bis vier Tagen, erledigt wurde. Er malte auf Holzplatten, die zur leichteren Montage dreigeteilt waren, und von denen immer eine griffbereit in seinem Atelier hing. Etliche  übermalte er, weshalb viele seiner Originalplakate nicht mehr vorhanden sind. Den Schrifttyp für das Plakat entnahm Rutz dem Originalplakat; die passenden Motive suchte er sich selbst zusammen.

Rutz bekam eines Tages einen Anruf, in welchem er gebeten wurde, ein Filmplakat für den Film „Der Himmel über Berlin“ zu malen, der noch nicht angelaufen war. Rutz hatte den Film noch nicht gesehen, wusste aber durch verschiedene Vorberichte, wovon er handelt. Aufgrund dieser wenigen Informationen fing er an, das Plakat zu entwerfen. Er schnitt ein Bild als Vorlage aus dem Filmtrailer. Es zeigt den Engel, gespielt von Bruno Ganz, im Mantel auf einem Mauervorsprung der Gedächtniskirche. Für Rutz war dies das entscheidende Bild, das den Film letztlich ausmachte. Hinzu kommt das herausstechende Blau, welches aus Rutz‘ persönlicher Sicht das Romantische des Films hervorhebt. Da der Film in Schwarz-Weiß lief betont die Farbgebung den Kontrast zwischen Gemälde und Film. Zuletzt umrandete Rutz das Plakat mit gelber Farbe, um es von der dunklen Untergrundfläche abzuheben. Rutz‘ Motivauswahl war geglückt: Dasselbe Filmstill wurde auch für das Cover des Filmbuches verwendet.

Text © Laura Willing

Quellen: Wim Wenders: Bärbel Unckrich, „Mancher Werbedreh hat mich gerettet“, in: horizont.net, 16.10.2015 [ http://www.horizont.net/agenturen/nachrichten/Exklusiv-Interview-Wim-Wenders-Mancher-Werbedreh-hat-mich-gerettet-136903 ];
Andreas Borcholte: „Es muss schon alles sein“. Interview mit Wim Wenders, in: spiegel.de, 29.5.2001 [ http://www.spiegel.de/kultur/kino/interview-mit-wim-wenders-es-muss-schon-alles-sein-a-136674.html ];
Interview mit Bertram Rutz, geführt von Dr. Christoph Danelzik-Brüggemann, 6.6.2017

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