Keyworker-Communiqué #5 – Werbe-Ikone Charles Wilp: ein Garant für Außergewöhnliches

RWB21506-007Im Jahr 1974 ist Charles Wilp auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn angekommen und so bekannt wie ein bunter Hund. Für manche ist er der Werbe-Papst oder das Enfant terrible der Werbung, für andere ist er der documenta-Künstler, wiederum für andere einfach nur ein Spinner. Er hat Aufträge satt und Geld wie Heu.

Seine Karriere als Portraitfotograf beginnt im Palais Schaumburg, wo er den Bundeskanzler Konrad Adenauer für die Allgemeine Sonntagszeitung ablichtet. Das Foto zeigt Adenauer, wie dieser, nachdenklich seinen Kopf in die Hand gestützt, über die Weltgeschichte zu philosophieren scheint. Das Magazin Der Spiegel bringt das Foto mit der Bildunterschrift: „Der Kanzler hat Sorgen.“

Von da an ist Charles Wilp, der in New York an der Eliteschule Raymond Loewys Schüler des legendären Fotografen Man Ray war, der Fotograf der Prominenz. Er knüpft Kontakte zu wichtigen Politikern, um sie in Imagefragen zu beraten. Sämtliche Mitglieder der ersten sozial-liberalen Koalition werden 1969 von ihm

werbewirksam ins Bild gesetzt. Wie gut er fotografieren kann, unterstreicht er mit der Veröffentlichung seines Buches „Dazzledorf – Vorort der Welt“, in dem er nicht nur die prominenten und bekannten Locations Düsseldorfs, wie die Königsallee oder den Breidenbacher Hof und dessen berühmte Gäste ablichtet, sondern auch das alltägliche Leben in der Altstadt, damals noch nicht die längste Theke der Welt.

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Mappe mit Fotografien der Mitglieder der ersten sozial-liberalen Koalition, 1969 © Charles Wilp

Charles Wilp will nicht nur ein herausragender Fotograf sein. Er sieht sich als  Universal-Künstler und als solcher sucht er die Nähe zu anderen Künstlern. Yves Klein, Christo, Arman, Andy Warhol und Joseph Beuys gehören zu seinen Freunden. Sie liegen im künstlerischen Bereich zwar nicht auf einer Wellenlänge, aber Charles Wilp, der schon gutes Geld verdient, unterstützt die Arbeit seiner Künstler-Freunde finanziell und auch in gemeinsamen künstlerischen Aktionen. Zum Beispiel Christo, der Wilps Riesenbett ebenso einpackt wie auch sein Telefon, sodass Wilp zwar das Läuten des Telefons hören, aber die Gespräche nicht annehmen konnte. Arman erbittet von ihm seinen  weißen Sportwagen, um diesen in einem Essener Steinbruch mittels Dynamit zu sprengen. Wilp ist einverstanden und es kommt zu einem der ersten Happenings in Deutschland; die Überführung eines intakten weißen Sportwagens in einen anderen Zustand, dem des Kunstwerks, mit Hilfe von Dynamit: die weiße Verfremdung.

Auch die Musik zieht ihn magisch an. Er komponiert und dirigiert. In Berlin engagiert er die Berliner Philharmoniker, in London den Chor der Covent Garden Opera für eine Dirigier-Übung. Sein „Tanz der Leere“, eine Langspielplatte zum Stückpreis von 18 DM, auf der lediglich das Kratzen der Saphir-Nadel beim Abspielen zu hören ist, verkauft sich mehr als 20.000 Mal. Für einen Fernsehauftritt schließlich komponiert und dirigiert er seine H-Dur-Symphonie.

VW_Beetle_Egg_AnzeigeDaneben ist er als Fotograf in der Werbung tätig, kreiert den VW-Käfer für die Werbeagentur DDB als“ Ei des Kolumbus“ – ein absoluter Erfolg, ebenso wie seine poppigen Bierreklamen. Die von ihm fotografierten VW-Werbemotive machen ihn zu einem der begehrtesten Männer der Werbebranche. Seine Kunden zahlen ihm pro Jahr jeweils sechsstellige DM-Beträge. Wochenlang durchstreift Wilp mit dem Dressman Hans Meyer (Frank S. Thorn) sowie dessen Assistenten im Bärenfell den Kontinent auf der Suche nach geeigneten Schauplätzen für ihren Puschkin-Dialog. Geld spielt keine Rolle, wichtig ist ihm, die Protagonisten der Spots in der „richtigen“ Umgebung zu zeigen.

Werbung ist damals so prüde und so bieder wie die ganze deutsche Gesellschaft.  1968 stellt Charles Wilp die Werbung endgültig auf den Kopf. Es ist das Jahr der Studentenrevolten und Wilp wagt es, mit allen herkömmlichen Werbeidealen der damaligen Zeit zu brechen. Er setzt z.B. das negativ besetzte Wort Rausch als Positivum in den Werbespots ein. Afri-Cola verkauft sich wie verrückt und Wilp ist nicht mehr Wilp, sondern Mr. Afri-Cola. Es gibt insgesamt 128 Afri-Cola-Spots, für die sich viele Models und Prominente vor die Kamera stellen wollen.

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Anzeige für Afri-Cola, 1968 © Charles Wilp für Afri-Cola

1972 wird Wilp zur Teilnahme an der fünften documenta in Kassel eingeladen, wo er mit der Installation „Luki-Luft-Haus“ für erhebliche Furore in der Kunstwelt sorgt. Kunst ist Werbung und Werbung ist Kunst. Diese Einsicht verdanken wir Charles Wilp. Immer wieder setzt er neue Impulse, erregt Aufsehen und erzeugt Widerspruch. Charles Wilp ist seiner Zeit voraus und (über)fordert seine Umgebung. So wie die fliegende Untertasse, die er in den späten 60er-Jahren auf das Dach seines damaligen Hauses in Wittlaer setzen lässt. Dieses futuristisch anmutende Flugobjekt mit seinen elliptisch geformten Bullaugen – der living space namens „Futuro“ des finnischen Architekten Matti Suuroonen – muss schließlich per Gerichtsbeschluss  auf Betreiben eines „Fortschrittsmuffels“ aus Wittlaer vom Dach des Hauses entfernt werden und lässt das damals von Wilp so geliebte und als mondäner „Vorort der Welt“ in vielen Fotos verherrlichte Düsseldorf ganz schön verstaubt und provinziell aussehen.

1974 ist Schluss. Von nun an ist sein Drang nach oben, ins All, nicht mehr zu bremsen. Von seinen Freunden ist Joseph Beuys der Einzige, der ihn dazu ermuntert: „Mach endlich Schluss mit dem Kitekat-Konsumkram. Mach endlich was Anständiges.“ Wilp geht nach Kuwait und macht seinen Pilotenschein. Der Weltraum wird zu seinem Lebensinhalt, und auch dabei ist er erfolgreich. Nun gibt es Weltraumkunst für die Werbung von ESA und NASA. Kein Shuttle geht mehr ohne Puschkin_Anzeige_JungfrauCollagen von Wilp ins All. Im Weltraum werden sie von Astronauten signiert und nach ihrer Rückkehr an Prominente verschenkt. Ganz oben ist er seit 1995, als medizinisches Versuchskaninchen im All und als Künstler, als selbsternannter ARTronaut an Bord des europäischen Trainingsflugzeugs für Astronautenanwärter.

Im Jahr 2004 wird Charles Wilp in die Hall of Fame der deutschen Werbung aufgenommen. Er stirbt am 2. Januar 2005 im Alter von 72 Jahren in Düsseldorf. Er war eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ein visionärer Künstler.

Unsere Ausstellung bietet diverse legendäre Werbungen, die Charles Wilp geschaffen hat. Ein Interview mit seinem ehemaligen Kameramann lässt zudem hinter die Kulissen seiner Arbeit blicken. Und wer nicht genug bekommt, der findet in unserer Dauerausstellung einen Zusammenschnitt der Afri-Cola-Spots!

Text © Fred-Ulrich Kuhne

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